Die Macht der Mehrheit

In einer demokratischen Gesellschaft entscheidet immer die Mehrheit. Alles Bemühen ist darauf angelegt, für die eigenen Ideen eine Mehrheit für sich zu gewinnen. Daher haben auch nur solche Ideen eine Chance, die mehrheitsfähig sind. Und eine Idee, die von einer Mehrheit befürwortet wird, wird automatisch zu einer guten Idee. Insofern ist „Mehrheit“ in der Demokratie ein Zauberwort. Oder kann etwa eine Mehrheit auch irren?

„Die Aufgabe des Lebens besteht nicht darin, auf der Seite einer Mehrzahl zu stehen, sondern dem inneren Gesetz gemäß zu leben.“ (Mark Aurel, Selbstbetrachtungen)

Schon die antiken Stoiker waren keine Feinde früher demokratischer Ideen. Und die Stoiker heute wissen die moderne Demokratie und ihr Mehrheitsprinzip durchaus zu schätzen. Umso wichtiger ist es aber, sich keinesfalls von einer Mehrheitsmeinung vereinnahmen zu lassen. Dies ist oft schwieriger, als man es selbst wahrhaben möchte. Wenn etwa der eigene Freundeskreis eine Person nicht mehr einladen möchte, wie schwierig ist es, sich aktiv für diese Person einzusetzen? Und wenn in sozialen Medien ein Shitstorm auf eine Person niedergeht, wie schwierig ist es dann, sich öffentlich dagegen zu stellen? Dazu gehört eine enorme Zivilcourage.

Die Stoa sagt nicht, auf wessen Seite wir uns stellen sollen. Sie warnt nur davor, stets dem allzu bequemen, mehrheitsfähigen, ausgetretenen Weg zu folgen. Eine tiefe Zufriedenheit im Leben wird nur erreichen, wer „dem inneren Gesetz gemäß lebt“, d.h. in sich selbst nach Antworten sucht. Die Stoa möchte uns daher ermutigen, die alltäglichen Gruppen-Zwänge und -Erwartungen immer wieder auszublenden, indem wir in uns gehen und mit gelassener Vernunft unseren eigenen Weg finden.

1 Kommentar

  1. Toller Beitrag!

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