Gewinnen und Verlieren

Was wir verlieren, bliebt oft noch lange schmerzend im Gedächtnis. Verluste sind vielfältig und treffen uns oft überraschend – ob durch Kündigung der Arbeit, Trennung des Partners oder Tod eines Nahestehenden. Dagegen nehmen wir weit weniger bewusst wahr, was wir im Leben gewonnen haben – einen guten Job, einen verlässlichen Partner oder die freundlichen Menschen in unserem Lebensumfeld. Daher wird ein Verlust immer als viel schmerzhafter empfunden. Aber muss das so sein?

„Was du bekommst, nimm ohne Stolz an, was du verlierst, gib ohne Trauer auf.“ (Mark Aurel)

Der Umgang der Stoiker mit der Trauer nach einem Verlust wird von manchen als befreiend nüchtern, von anderen als abstoßend gefühlskalt empfunden. Aber es wäre ein Missverständnis zu glauben, dass Stoiker keine Trauer empfinden. Angesichts eines Verlustes darf jeder Trauer empfinden, der geübte Stoiker sollte sich von der Trauer jedoch nicht dauerhaft gefangen nehmen lassen. Denn Stoiker wissen, dass es dem natürlichen Verlauf des Lebens entspricht, etwas zu bekommen und auch immer wieder zu verlieren.

Zwar möchten wir den Status quo oft allzu gerne einfrieren. Jedoch ist das Leben in einem permanenten Wandel – voll von Vergänglichkeit wie von Neuanfang. In diesem Wissen üben Stoiker täglich, Dinge dankbar anzunehmen, aber auch wieder loslassen zu können. Dies ist sicher nicht einfach und wird umso schwerer, je mehr uns geliebte Menschen oder Dinge ans Herz gewachsen sind. Jedoch ist es wichtig, sich frühzeitig – zumindest im Geiste – darauf einzustellen, dass es dem natürlichen Verlauf des Lebens entspricht, sie irgendwann zu verlieren.

Dem weisen Stoiker gelingt es vielleicht sogar, die Vergänglichkeit aller Dinge nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu erkennen und hinter jedem – traurigen – Verlust auch immer die – freudige – Aussicht auf einen Neuanfang durchscheinen zu sehen.

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