Glück ist ein Schmetterling
Wer auf der Suche nach dem Lebensglück ist, findet in den Werken von Anthony de Mello, einem indischen Jesuitenpriester und spirituellen Lehrer, viele gute Anregungen, die auch Stoikern vertraut erscheinen. Besonders einprägsam und anregend ist sein Bild vom „Schmetterling“:

„Das Glück ist ein Schmetterling.“ sagte der Meister. „Jage ihm nach, und er entwischt dir. Setz dich hin, und er lässt sich auf deiner Schulter nieder.“

„Was soll ich also tun, um das Glück zu erlangen?“

„Hör auf, hinter ihm her zu sein!“

„Aber gibt es nichts, was ich tun kann?“

„Du könntest versuchen, dich ruhig hinzusetzen, wenn du es wagst …“

Was für ein schönes Bild! Es erinnert uns daran, dass wir (zu) viel Zeit damit verbringen, dem vermeintlichen Glück hinterherzujagen: „Wenn ich erst aus der Schule raus bin…“ „Wenn erst meine Gehaltserhöhung durch ist …“ „Wenn ich erst die Abschlussprüfung geschafft habe …“ „Wenn erst mal meine Diät anschlägt … dann werde ich glücklich sein!“ Das reden wir uns immer wieder ein. Sehnsüchte und das Streben nach einem besseren Leben bestimmen unseren Alltag. Das Problem: Wir jagen einem zukünftigen – unerreichbaren – Glück nach und verpassen dabei die Chance, mit dem, was wir haben, im Hier und Jetzt glücklich zu sein. Dabei warnt schon Epiktet:

„Es ist nicht möglich, Glück zu empfinden, wenn wir uns gleichzeitig nach etwas sehnen, das wir nicht haben.“

Es ist erstaunlich! Der Stoiker Epiktet weist bereits vor über 2.000 Jahren auf die für uns „moderne Menschen“ größte Gefahr hin: Wir verwechseln die Suche nach dem Lebensglück mit der Begierde nach Dingen, die unser Leben angeblich bereichern – eine größere Wohnung, ein neues Auto, eine Fernreise und vieles mehr. Solchen Begierden nachzugeben, löst ein (vermeintlich) gutes Gefühl aus, z.B. beim Einkaufen von Dingen, die wir eigentlich gar nicht brauchen.

Aber was sollen wir denn sonst tun? Die Hände in den Schoß legen? Die Stoiker empfehlen durchaus, sich im Leben Ziele zu setzen und daran zu arbeiten. Aber dabei sollte das Bild vom Schmetterling eine ständige Mahnung sein. Denn das Lebensglück lässt sich nicht erzwingen. Und es lässt sich nicht in Form materieller Dinge einfach kaufen. Letztlich findet man das Glück nur in sich selbst. Anstatt daher ständig aktiv und rastlos durchs Leben zu rennen, raten die Stoiker zur Gelassenheit – sie nennen das „Ataraxia“. Nur in der Grundstimmung der „Seelenruhe“, des „Ganz-bei-sich-sein“, wird sich der Schmetterling irgendwann leise auf uns niederlassen. Welch schöne Vorstellung!

1 Kommentar

  1. Es ist so ein schöner Denkanstoß.

    Einfach hinsetzen und dann mal schauen, was passiert.
    Nein, das ist es nicht!
    Denn da würde ich ja darauf warten, dass was passiert.
    Noch einen Schritt weiter!
    Ja, ich merke, wie ich übe und doch wieder über mein Denken stolpere, weil es nicht tief genug geht.
    Ich muss jetzt über mich lächeln…
    Es ist ein Prozess.
    Mein Prozess. Meine eigene Annäherung an die Stoa.
    Nächster Versuch:
    Einfach hinsetzen und da schon in sich ruhen, da schon Glück empfinden und gar nichts erwarten; erst recht nicht krampfhaft danach schauen, dass das Glück nun endlich kommen müsste.
    Vielleicht kommt ein Marienkäfer oder der Schmetterling!
    Und dann ist da einfach noch „mehr“ Glück…
    Es ist alles da und darum wissen, was schon alles da ist, ist das Fundament in mir.
    Glück ist schon da und es kann einfach mehr werden, wenn ich nicht auf der Suche bin.
    Ziele im Leben sind wichtig, doch sie dürfen mein Dasein im Hier und Jetzt nicht dominieren, denn dann sehe ich den Schmetterling vielleicht gar nicht…
    Und ich übe… 😉

    LG

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