Die Idee der Nächstenliebe in der Stoa

Gibt es so etwas wie „Stoische Nächstenliebe“? Es mag sich zunächst wie ein Widerspruch anhören. Denn ist ein Stoiker nicht überwiegend mit sich selbst beschäftigt? Und sind Gefühle der Liebe nicht störend für seine angestrebte Seelenruhe?

Richtig ist, dass eine leidenschaftliche Liebe mit all ihren Irrungen und Wirrungen, die immer wieder zu Missverständnissen, Fehlinterpretationen und Eifersüchteleien führen, nicht die Sache der Stoiker ist. Mark Aurel formuliert es als sein Ziel, „frei von Leidenschaften und dafür voller Liebe“ zu sein. Als römischer Kaiser war er von Menschen umgeben, die sich durch ihn Vorteile verschaffen wollten, und ständigen Hofintrigen ausgesetzt. Dennoch versuchte er, seinen Mitmenschen mit wohlwollender Freundlichkeit zu begegnen. Als Anhänger der stoischen Philosophie war er davon überzeugt, dass es richtig und wichtig ist, in Harmonie und Freundschaft mit anderen Menschen zu leben. Auch wenn es erstaunen mag: Die Schule der Stoa vermittelt eine Haltung, die  man im christlichen Kontext als Nächstenliebe bezeichnen könnte. Davon war jedenfalls Seneca überzeugt:

„In Wahrheit ist keine Schule großzügiger und milder, zeigt mehr Liebe zu den Menschen, ist keine mehr um das Allgemeinwohl besorgt. So ist sie vorsätzlich auf Nutzen aus, will nicht nur für sich selbst, sondern für alle und jeden einzelnen besorgt sein.“ (Seneca)

Stoiker halten andere Menschen niemals für böse. Man wird ihr Handeln allenfalls als unvernünftig bezeichnen. Und selbst dann „handeln sie offenbar wider Wissen und Wollen“ (so Mark Aurel in seinen Selbstbetrachtungen). Ein Stoiker sollte daher grundsätzlich Verständnis und Nachsicht zeigen – und den anderen dabei helfen, zur Vernunft zurückzukehren.

„Die Menschen sind für einander da. Also belehre oder dulde sie.“ (Mark Aurel)

Mark Aurel hat dabei eine Technik angewendet, die es ihm ermöglicht, sogar bei Beleidigungen oder Anfeindungen nicht von vornherein eine böse Absicht zu unterstellen – indem er die Handlungen anderer Menschen als Versuche, das Richtige zu tun, betrachtet.

„Wenn dir jemand etwas antut, überlege sofort, ob er dabei Gutes oder Schlechtes im Sinn hat. Wenn du das erkannt hast, wirst du Mitleid haben, anstatt dich zu wundern oder wütend zu sein. Vielleicht hast du dieselbe oder eine ähnliche Auffassung von Gut du Böse, sodass du ihm seine Tat verzeihen kannst. Wenn du aber nicht derselben Auffassung bist, wirst du eher bereit sein, gegenüber seinem Fehler nachsichtig zu sein.“ (Mark Aurel)

Erstaunlich ist: Obwohl Mark Aurel als Kaiser zahllose Möglichkeiten zur Züchtigung und Bestrafung hätte, ist vielmehr Güte seine Antwort – selbst gegenüber seinen Feinden.

„Güte ist unbesiegbar, aber nur wenn sie aufrichtig, nicht geheuchelt oder vorgetäuscht ist. Was kann schon der gemeinste Mensch ausrichten, wenn du ihm mit Güte begegnest und ihn, wenn es dir möglich ist, sanft belehrst – genau in dem Moment, in dem er versucht, dir Schaden zuzufügen?“ (Mark Aurel)

Man mag sich fragen, was sich der Politiker und Feldherr Mark Aurel von seiner Güte und Nachsicht erhofft. Seine Antwort ist klar: Die stoische Liebe und Freundschaft basiert nicht auf der Erwartung ihrer Erwiderung. Der Stoiker ist freundlich und wohlwollend, weil es tugendhaft ist und nicht, weil er sich etwas daraus erhofft.

„Wenn du etwas Gutes getan hast und jemand anderes hat davon profitiert, warum bist du so töricht und erwartest obendrein noch Anerkennung für die gute Tat und einen Gefallen als Gegenleistung?“ (Mark Aurel)

Die Stoiker sehen Nächstenliebe nicht als göttliches Gebot. Nach ihrer Ansicht entspricht es von vornherein der menschlichen Natur, sich um ihre Artgenossen zu kümmern. Am deutlichsten wird dies in der Liebe und Fürsorge für die eigenen Kinder sichtbar. Jedoch sollten die Menschen – als rationale Wesen mit der Fähigkeit zur ethischen Weiterentwicklung – ihre instinktiv vorhandene Fürsorge über die eigene Familie hinaus auf alle Mitmenschen ausdehnen, weil sie erkennen, dass sie alle Brüder und Schwestern sind.

„Die Natur unseres Universums hat vernunftbegabte Wesen füreinander geschaffen, damit sie sich gegenseitig zu Nutzen sind und sich in den wahren Werten unterstützen, nicht damit sie sich schaden.“ (Mark Aurel)

Das Ziel des stoischen Weisen ist es, in Übereinstimmung mit der Natur und in Einheit mit der Welt als Ganzes zu stehen. Die Stoiker ermutigen uns daher, uns als integralen Teil der Natur und als Teil von etwas Größerem zu sehen. Für die Stoiker ist unser Lebenszyklus von der Geburt bis zum Tod nur ein winzig kleiner Teil des Lebens der Natur. Das anzuerkennen kann uns dabei helfen, jedes Ereignis mit Gleichmut zu akzeptieren – sogar Anfeindungen und Beleidigungen, die uns im Alltag begegnen mögen und denen wir mit Güte und Nachsicht begegnen sollen.

„Es ist ein Vorzug der Menschen, auch diejenigen zu lieben, die ihn beleidigen. Dahin gelangt man, wenn man bedenkt, dass die Menschen mit uns eines Geschlechtes sind, dass sie aus Unwissenheit und gegen ihren Willen fehlen, dass ihr beide nach kurzer Zeit tot sein werdet und vor allem, dass dein Widersacher dich nicht beschädigt hat.“ (Mark Aurel)

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.