Die Lust am Skandal

Kennen Sie diesen 1-minütigen Sketch-Klassiker aus den 1970er Jahren (von und mit Dieter Hallervorden): Wir befinden uns in einem teuren, spießig anmutenden Café. Ein Mann tritt an den Tisch einer jungen hübschen Frau, die dort alleine sitzt. „Darf ich Sie zu einem Getränk einladen?“ fragt er etwas schüchtern. Die Frau ruft daraufhin mit empörter Stimme: „Ins Hotel???“ und sieht sich dabei hilfesuchend um. Die anderen Gäste des Cafés – vorwiegend ältere elegant gekleidete Damen – fixieren den Mann mit vorwurfsvollen Blicken. Er errötet, glaubt aber noch an einen Irrtum und versucht das Missverständnis unbeholfen aufzuklären, erhält jedoch wieder nur dieselbe – lautstarke, entrüstete – Antwort: „Wie bitte … ins Hotel???“ Unter den strafenden Blicken der versammelten Gäste kehrt der Mann wie ein geprügelter Hund an seinen Tisch zurück. Kurz darauf kommt die junge Frau an seinen Tisch und sagt in verschwörerischem Ton: „Entschuldigen Sie, dass ich sie eben in eine so peinliche Situation gebracht habe. Aber ich bin Soziologiestudentin und wollte nur mal das Verhalten der bürgerlichen Leute hier testen.” Diesmal ruft der Mann in gespielter Empörung laut aus: „Waaas, hundertfünfzig Mark?!?!“ worauf sich die vorwurfsvollen Blicke aller Gäste nun auf die junge Frau richten, die schnell wieder an ihren Tisch flüchtet.

Der Sketch ist nun schon fast 50 Jahre alt und stammt aus einer Zeit, in der das Moralempfinden der „guten Leute“ noch weitaus traditionsgeprägter und deutlich weniger locker war als heute. Gleichwohl entlockt die Szene einem doch immer noch ein spontanes Lachen. Wir lachen, weil die spießigen Gäste des Cafés die Szene als anstößig – sogar obszön – interpretieren („Ins Hotel???“ – „Waaas, hundertfünfzig Mark?!?!“), obwohl es tatsächlich nur um einen ganz banalen Wortwechsel ging. Wir wissen das und können daher leicht über diese engstirnigen Spießbürger lachen, weil wir uns selbst nicht zu denen zählen, die laut „Skandal!!“ rufen oder hinter vorgehaltener Hand tuscheln. Aber seien wir ehrlich: Wenn wir nicht gewusst hätten, was die beiden unglückseligen Akteure an ihrem Tisch gesprochen hätten … hätten wir dann nicht auch ein unsittliches Verhalten vermutet?

Das wahre Problem ist jedoch gar nicht, dass die Gäste des Cafés getäuscht wurden, sondern dass sie sich so gerne haben täuschen lassen. Tatsächlich springen wir immer wieder mit Vergnügen auf Skandale an – auch wo gar keine zu erkennen sind. Denn es gibt kaum ein Gefühl, das so befriedigend ist, wie das, sich über andere zu empören, die sich – vermeintlich – eines gesellschaftlichen Fehlverhaltens schuldig gemacht haben. Wir rufen „Impfskandal“, wenn wir mutmaßen, dass nicht (schnell) genug Impfdosen für alle Impfwilligen beschafft werden können – und wir schreien ebenfalls „Impfskandal“, wenn sich bald herausstellt, dass Impfdosen ungenutzt bleiben, weil nicht genug impfwillige Abnehmer vorhanden sind. Auch zwischenmenschliche Beziehungen geraten leicht zum „Skandal“, wenn sich ein Paar zusammenfindet, bei dem uns z.B. der Unterschied im Alter, im Vermögen oder im Bildungsstand angeblich zu groß erscheint. Und wenn sich das Paar später wieder trennt, ist es natürlich erst recht ein Skandal! Wenn wir genau hinschauen und aufrichtig sind, müssen wir doch zugeben: Es ist einfach ein gutes Gefühl, sich über das Fehlverhalten einer anderen Person zu empören. Dabei spielt es – wie in diesen Sketch – oft überhaupt keine Rolle, ob es überhaupt zu einem Fehlverhalten gekommen ist. Die „Lust am Skandal“ ist in jedem von uns fest verankert!

Die Verantwortung für all dies schieben wir zumeist (vor-) schnell der „Sensationsberichterstattung“ bestimmter Medien oder – ganz allgemein – den „Social Media“ zu, in denen sich die Empörung immer schneller, unkontrollierter und zügelloser verbreitet. Aber das wäre zu einfach! Denn solange wir selber auf jede Klatsch- und Skandalgeschichte anspringen, solange werden diese – dementsprechend – auch in den Medien auftauchen. Aber was können wir gegen die Verlockung einer massenmedialen Skandalisierung tun? Die Stoiker haben hierzu eine klare Haltung:

„Alles hängt von deinen Mutmaßungen ab, und die liegen ganz bei dir. Verzichte bewusst auf vorschnelle Urteile und steuere dein Schiff so in ruhige Gewässer, schöneres Wetter und einen sicheren Hafen.“ (Mark Aurel)

Das ist das Entscheidende: „Deine Mutmaßungen liegen ganz bei dir“! Wir haben es selbst in der Hand, ob sich etwas aus dem Bereich des Spekulativen in den Bereich des Skandalösen aufbaut. Wir sollten daher – wenn der nächste Skandal ansteht – einfach mal unsere Empörung herunterdimmen. Dies ist nicht immer einfach. Denn der Sketch zeigt auch, wie leicht sich Menschen manipulieren lassen. Das Motiv der Studentin für ihre Manipulation ist wissenschaftliche Neugier, das Motiv des Mannes süße Rache. Aber die Gäste des Cafés fallen ohne weiteres darauf herein und lassen ihrer selbstgerechten Empörung freien Lauf. Wenn es also das nächste Mal darum geht, mit Fingern auf andere zu zeigen, sollten wir vielleicht – eingedenk der Stoiker – einen Moment innehalten und uns die Frage zu stellen: Wie würde es mir in der Situation ergehen?

„Wann immer du dich über die Fehler von jemandem ärgerst, richte deine Aufmerksamkeit sogleich auf ähnliche Fehler, die dir selbst unterlaufen sind. Wenn du darüber nachdenkst, wird dein Ärger schnell verfliegen.“ (Mark Aurel)

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