Der Tod ist sicher – und danach?

Eine alte arabische Anekdote (die von W. Somerset Maugham unter dem Titel „Verabredung in Samarra“ ein literarisches Denkmal erhielt) erzählt von einem Mann, der auf dem Marktplatz von Bagdad dem Tod begegnet. Der Mann ist entsetzt, als der Tod eine bedrohliche Geste in seine Richtung macht, und flieht Hals über Kopf aus der Stadt. Er reitet schnell, schlägt Haken – und als er schließlich in der Stadt Samarra ankommt, glaubt er, den Tod abgehängt zu haben. Jedoch: Auf dem Marktplatz von Samarra wartet der Tod bereits auf ihn. Erschöpft von seiner Flucht ergibt sich der Mann dem Tod. „Warum bist du so erschreckt geflohen, als wir uns zuletzt in Bagdad sahen?“ fragt der Tod. „Ich dachte, du wolltest mich holen.“ „Aber nein“, sagt der Tod, „ich war nur erstaunt, dich auf dem Markt in Bagdad zu sehen, wo ich doch heute ein Verabredung mit dir in Samarra habe.“

Na schön, wir haben´s verstanden: Nichts ist so sicher wie der Tod. Wir können ihm nicht entfliehen. Aber was machen wir mit dieser Erkenntnis? Was hat uns der Stoizismus dazu zu sagen? Kann er uns (die wir wie der Mann in der Geschichte gerne vor dem Tod fliehen würden) zumindest so etwas wie Trost bieten?

Tatsächlich bietet der Stoizismus keine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod – wie auch immer dies aussehen mag. Die Stoa kennt keine unsterbliche Seele und erst recht keine Wiedergeburt. Aber die Stoiker haben sehr wohl eine Antwort darauf, wie es nach dem Tod „weitergeht“: Wir sind ein Bestandteil des Kosmos, dem wir entstammen und in den wir zurückkehren, als kleiner Teil eines ewigen Kreislaufs.

„Alles, was du siehst, wandelt die Allnatur bereits im nächsten Augenblick um und macht ein anderes aus seinem Stoff und wieder anderes aus dem Stoff jener Dinge, damit der Kosmos ewig neu wird.“ (Mark Aurel)

Es ist erstaunlich, dass die Stoiker bereits vor 2000 Jahren ein – damals wissenschaftlich noch unbewiesenes – Gespür dafür hatten, dass alle Lebewesen zum größten Teil aus Kohlenstoff und Wasserstoff, den „Bausteinen des Lebens“, bestehen, die nach ihrem Tod in der Umwelt gespeichert und wieder in neue organische Verbindungen umgewandelt werden. Daraus schöpft der Stoiker-Kaiser Mark Aurel seinen Lebensmut:

„Wir können in allen Lagen den Tod guten Mutes erwarten – in der Überzeugung, dass er nichts anderes ist als die Auflösung der Elemente, aus denen jedes Wesen aufgebaut ist. Wenn aber für die Elemente selber nichts Schlimmes darin liegt, dass jedes einzelne von ihnen ständig in ein anderes übergeht, warum sollte es einem da vor der Umwandlung und Auflösung grauen? Geschieht sie doch nach dem Lauf der Natur; nach dem Lauf der Natur aber geschieht nichts Schlimmes.“

Tatsächlich hat es etwas ungemein Tröstliches, sich selbst und sein Leben als Teil der Natur und des natürlichen Kreislaufs allen Lebens anzusehen.

„Wenn man es sorgfältig betrachtet und durch gewissenhaftes Nachdenken dem Schrecken des Todes auf den Grund geht, dann wird man ihn für nichts anderes halten als für ein Werk der Natur. Wenn aber jemand ein Werk der Natur fürchtet, ist er ein Kind… Die winzige Spanne Zeit soll man gemäß der Natur durchwandern und heiteren Gemüts zur Ruhe gehen, wie wenn die Olive, die reif vom Baume fällt, die Mutter Erde preist und dem Baum Dank weiß, der sie getragen hat. Mensch, du bist Bürger gewesen in diesem großen Staat: Was macht es da aus, ob nach fünf Jahren oder hundert? Was ist daran schlimm, wenn dich aus dem Staat nicht ein böswilliger Tyrann oder ein ungerechter Richter hinausweist, sondern die gütige Allnatur, die dich einst auch in ihn hineingeführt hat? Wann das Leben zu Ende ist, das bestimmt jener, der dich einst hat ins Dasein treten lassen, wie er jetzt dein Ende beschlossen hat. Du bist ohne Einfluss an beidem. Scheide darum in Güte, denn auch der, der dich abberuft, ist voll Güte. “ (Mark Aurel)

Sich selbst als Teil der Natur und des Kosmos zu sehen, bedeutet auch, dass wir die Zeitspanne unseres Lebens relativieren: Schon VOR unserer Geburt ist eine Ewigkeit vergangen … und NACH unserem Tod wird noch eine Ewigkeit vergehen. Unser Leben – als eines von unendlich vielen Lebewesen im Kosmos – dauerte nur eine vergleichsweise kurze Zeit. ABER: Wir müssen uns und unser Leben deshalb nicht geringschätzen. Vielmehr waren wir einmal Teil von etwas Großem. Wir hatten die Chance auf Mitwirkung an etwas, das größer ist als wir selbst. Und wir können zufrieden sein, wenn wir eine Fußspur hinterlassen haben. Darin lässt sich Trost und Befriedigung finden.

Dies bedeutet aber auch: Die beste Vorbereitung auf dem Tod ist es, ein gutes Leben zu führen! Für die Stoiker ist der Tod wichtig – aber nur als Ende und Abschluss des Lebens. Je erfüllter also unser Leben ist, desto weniger müssen wir den Tod fürchten. Wir sollten daher unsere Bemühungen auf die Lebenszeit konzentrieren – und den Tod in das Leben integrieren. Oder mit den Worten des indischen Philosophen Osho:

„Die Frage ist nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Die Frage ist, ob du vor dem Tod lebendig bist.“

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