Du musst es nicht allen recht machen!

Eine alte orientalische Geschichte wird von Paul Watzlawick, einem der wichtigsten Kommunikationswissenschaftler unserer Zeit, wie folgt nacherzählt: „Ein Vater ist mit seinem kleinen Sohn und einem Esel an einem heißen Tag auf einer staubigen Straße zu einem fernen Ziel unterwegs. Der Vater reitet auf dem Esel, der Kleine geht nebenher. Da kommt ihnen eine Gruppe von Leuten entgegen, und der Vater hört, wie die sagen: „Schaut euch das mal an. Der Vater, der reitet auf dem Esel, und der Kleine muss zu Fuß gehen an diesem heißen Tag. Hat denn der gar kein Mitleid mit seinem Sohn?“ Daraufhin steigt der Vater ab, gibt den Kleinen auf den Esel hinauf, und es geht weiter. Da kommt eine Gruppe von Personen wieder in der Gegenrichtung, und der Vater hört, wie die sagen: „Schaut euch das mal an. Der Vater geht zu Fuß, der Kleine reitet auf dem Esel. Was soll denn aus diesem Kleinen mal werden, wenn er jetzt schon so verwöhnt wird?“ Darauf besteigt auch der Vater den Esel und zusammen reiten sie weiter. Da kommt eine Gruppe von Personen in der Gegenrichtung. Der Vater hört, wie diese sagen: „Schaut euch das mal an. Beide zusammen reiten den Esel. Dieses arme Tier. Ja, haben die denn kein Mitleid?“ Daraufhin steigt der Vater ab, nimmt den Kleinen vom Esel herunter, und sie beginnen, zusammen den Esel zu tragen. Da kommt eine Gruppe in der Gegenrichtung, und die sagen … Na, ich überlasse es Ihnen, sich vorzustellen, was die sagen!“

Natürlich ist die Geschichte grotesk überzogen. Aber wir schmunzeln darüber, weil wir solche Situationen selbst schon oft genug erlebt haben. Seien wir ehrlich: Wie oft haben wir schon unvernünftige Dinge getan, nur weil wir glaubten, dass andere dies von uns erwarten? Auch die Stoiker haben dieses Phänomen schon früh beobachtet.

„Ich bin immer wieder überrascht, wie viel mehr Wert wir auf die Meinungen anderer statt auf unsere eigenen legen.“ (Mark Aurel)

„Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben.“ (Epiktet)

Nun ist nicht grundsätzlich etwas dagegen auszusetzen, wenn wir versuchen, die Erwartungen anderer zu erfüllen und ihren Meinungen über uns gerecht zu werden. Dies ist sogar ein durchaus soziales Bestreben.  Problematisch wird es jedoch, wenn wir uns – wie in der Geschichte mit dem Esel – von Meinungen und Erwartungen anderer vereinnahmen oder gar manipulieren lassen. Leider kommen Situationen wie in der alten orientalischen Geschichte heutzutage ständig vor; insoweit wirkt sie wie ein Zerrbild unserer modernen medialen Gesellschaft, in der immer wieder Meinungsdruck erzeugt und eingesetzt wird, um ein erwünschtes Verhalten zu provozieren. Wenn z.B. in der Werbung suggeriert wird, dass man nur dann eine gute Mutter sein kann, wenn die Wäsche blütenweiß wird, kann man sich dieser Erwartungshaltung beim nächsten Einkauf kaum entziehen. Und wenn in einer Chat-Gruppe einhellig eine bestimmte Ansicht als die einzig richtige dargestellt wird, dann wird es schwer, sich gegen die Erwartungen der Freunde zu positionieren, auch wenn einem dies vernünftig erscheinen mag. Schließlich wird auch in einer Beziehung immer wieder Erwartungsdruck aufgebaut: „Wenn du mich wirklich liebst, dann tust du das für mich.“ Wie könnte man sich dem verweigern?

Die Stoiker setzen dagegen auf die Grundhaltung der „Autarkie“ (Autarkeia  αὐτάρκεια), was man heute vielleicht am besten mit Selbstbestimmung übersetzen könnte. Dies bedeutet nicht, dass einem die Meinungen und Einschätzungen anderer egal sein sollten. Gleichgültigkeit ist nie ein Ideal der Stoiker gewesen. Allerdings sollte man Meinungen anderer nie ungeprüft übernehmen (indem man z.B. Vorurteile gegenüber Dritten verbreitet) oder sich von den Ansichten anderer vereinnahmen lassen (indem man z.B. Wohlverhalten zeigt, um Anerkennung zu erhalten).

Durch die Haltung der Autarkeia bewahrt sich der Stoiker seine innere Unabhängigkeit – vor allem gegenüber einer dominanten „herrschenden Meinung“, die abweichende Meinungen vorschnell beiseite schiebt, oder gegenüber einem „Mainstream“, dem man sich nur allzu gerne freiwillig anschließt. Der Stoiker wird sich daher dem Meinungsdruck einer Mehrheit oder einflussreichen Gruppe nicht beugen. Wir brauchen uns nicht ständig mit anderen Menschen vergleichen und müssen es nicht jedem recht machen wollen. Denn Gelassenheit und innere Ruhe findet nur, wer ein eigenständiges Denken pflegt, orientiert an Logik und Vernunft. Autarkeia bedeutet somit letztlich vor allem auch, dass der persönlichen Integrität der höchste Stellenwert eingeräumt wird.

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