Emotionen müssen orchestriert werden

Kinder-Trickfilme sind in der Regel wohl keine geeigneten Lehrfilme für angehende Stoiker – allerdings mit einer Ausnahme: Der Pixar-Disney-Animationsfilm „Alles steht Kopf“ macht auf spielerisch-leichte Weise und mit Humor deutlich, wie menschliche Emotionen zusammenwirken. Für Stoiker ist der Umgang mit den eigenen Emotionen eine der wichtigsten Lektionen. Und ausgerechnet ein Trickfilm kann dabei helfen!

In dem Film geht es um die elfjährige Riley, die durch den Umzug in eine neue Stadt in eine Lebenskrise gerät. Dabei spielt sich die eigentliche Handlung in ihrem Kopf ab. Dort versehen fünf Cartoon-Versionen unserer Basis-Gefühle Freude, Angst, Wut, Ekel und Traurigkeit ihren Dienst am Steuerpult des Gehirns, mit dem sie Riley durch den Alltag führen. Sie wollen ihr helfen, sich an ihr neues Leben zu gewöhnen, doch sind sie sich nur selten einig. Die „Freude“ im sonnengelben Kleid, optimistisch und lösungsorientiert, gibt den Ton an, wird aber immer wieder von ihren vier Gefühlskollegen ausgebremst – von „Ärger“ mit seinem hochroten Kopf und cholerischem Gemüt (mit sehr kurzer Zündschnüre), von „Ekel“, grünlich und meist ziemlich zickig, sowie von „Angst“, grau, griesgrämig und stets übervorsichtig. Schließlich gibt es noch die „Traurigkeit“, blau, tranig und ganz mies drauf.

Immer wieder ist eine andere Emotion in der Kommandozentrale des Gehirns „am Drücker“: Riley findet das neue Haus gruselig, so dass „Angst“ die Kontrolle auf der Brücke übernimmt. „Ekel“ tritt ins Rampenlicht, als Riley in der Pizzeria um die Ecke Brokkoli-Pizza angeboten wird. Und „Wut“ reißt die Regler ganz nach oben, als Riley nach dem missratenen ersten Schultag mit ihrem Vater in Streit gerät. Das Wechselspiel der Emotionen wird ungemein witzig und herzerwärmend dargestellt, aber durchaus auch wissenschaftlich fundiert. Der Film ist jedenfalls eine gute Hilfe, unsere Emotionen und ihre gegenseitigen Abhängigkeiten besser zu verstehen. Schauen Sie ihn sich mal an. Es lohnt sich! Für mich haben sich vor allem drei Erkenntnisse daraus ergeben:

Betrachte Deine Emotionen nicht als Feinde!

Emotionen steuern uns zwar nicht direkt, aber sie beeinflussen unser Verhalten. Dabei können sie etwas erschreckend Dämonisches und Destruktives haben – wenn einen die Wut gepackt hält oder die Angst einen überkommt oder der Neid einen zerfrisst. Daher wird in manchen Stoa-Lehrbüchern der „Kampf gegen die Emotionen“ schon fast wie ein Feldzug mit strategisch-militärischer Präzision geplant und durchgeführt. Und am Ende soll der Feind besiegt sein. ABER: Emotionen sind keine Feinde! Sie gehören zu uns, sind Teil unserer Persönlichkeit. Und jede von ihnen hat eine wichtige Funktion. Der Film zeigt dies ganz figürlich: „Freude“ ist bemüht, aus jeder Situation das Beste zu machen, „Angst“ möchte Riley vor körperlicher oder seelischer Gefahr bewahren und „Wut“ rebelliert gegen alle Ungerechtigkeiten des Lebens. Die animierten Figuren, die die Emotionen personifizieren, helfen uns, eine persönliche Nähe zu ihnen aufzubauen. Und das ist wichtig, denn ein guter Umgang mit unseren Emotionen gelingt nur, wenn wir uns mit ihnen allen – auch mit Wut und Angst – ehrlich anfreunden.

Alle Emotionen sind wichtig!

Was der Film ebenfalls verdeutlicht, ist: Es gibt keine positiven und negativen Emotionen, von denen man die einen bekämpfen und unterdrücken und die anderen fördern sollte. Ziel der stoischen Übungen mit Emotionen sollte es daher nicht nur sein, sie zu kontrollieren und auf ein verträgliches Maß „herunter zu regeln“. Dies wird auf Dauer nicht gelingen. Ebenso wie es in dem Film der „Freude“ nicht gelingt, die „Traurigkeit“ dauerhaft einzusperren. Ein Happy End wird letztlich erst möglich, als „Freude“ der „Traurigkeit“ das Schaltpult überlässt, so dass Riley ihr Heimweh ausdrücken und von ihren Eltern getröstet werden kann. Am Ende steht die Erkenntnis, dass alle Gefühle – auch die vermeintlich negativen – ihre Daseinsberechtigung und ihre Zeit haben. Selbst Traurigkeit und Kummer sind wichtige Bestandteile des Lebens, die es zu verstehen und anzunehmen gilt, anstatt sie zu unterdrücken.

Entwickele Dein emotionales Potenzial!

Erst wenn es uns gelingt, nicht nur die vermeintlich positiven Emotionen wie Freude und Spaß, Lust und Leidenschaft zu fördern, sondern unsere Emotionen als gleichermaßen wichtig und hilfreich anzusehen, wird es uns auch gelingen, unser emotionales Potenzial zur Entfaltung zu bringen und die Person zu werden, die wir sein wollen. Um dies zu schaffen, müssen wir die verschiedenen Emotionen – wie ein guter Dirigent – richtig orchestrieren. Der Film zeigt die Schwierigkeiten einer solchen Gesamt-Orchestrierung. Aber er zeigt auch, wie sie gelingen kann: Im Film handeln alle Emotionen letztlich als „Team“ mit demselben Ziel: ein glückliches Leben für Riley! Insofern ist der Film „Alles steht Kopf“ für Stoiker, die Emotionen nicht kontrollieren, sondern vielmehr orchestrieren wollen, eine ebenso kurzweilige wie lehrreiche Anregung!

1 Kommentar

  1. Dies ist der Beitrag, der mich von dem bisher Gelesenen am meisten mit Hoffnung erfüllt hat…

    Ich sehe mich jetzt selbst als Dirigentin vor einem fantastischen Orchester ;-), dessen Künstler*innen meine Emotionen sind…

    Und diese sind wahrlich nicht leicht zu lenken, da es da schon einige gibt, die ganz schön dominant sind und sich gerne nach vorne drängen.

    Aber die „Nach-vorne-Drängler“ müssen im Gesamtorchester auch erkennen, dass ein Zusammenspiel nur klappt, wenn man Rücksicht nimmt und die anderen Mitspieler*innen im Auge hat.

    Ja, alle Emotionen gehören dazu, alle haben ihre Berechtigung und das Gleichgewicht ist entscheidend und ich „muss“ mich nicht zwingen, einen Ausreißer gleich zu unterdrücken oder mit aller Gewalt zu bekämpfen… sie gehören dazu, nur die „Lautstärke“ muss geregelt werden… im Zusammenspiel aller.

    Ein tolles Bild… dann nehme ich mal den Taktstock in die Hand…

    LG Greta

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