Wie die antike Stoa Eingang in die moderne Psychotherapie fand

Der Stoizismus bietet einige sehr wirksame Methoden zur Überwindung von Angst und Anspannung, die oft den Techniken ähneln, die von der Forschung über moderne kognitive Verhaltenstherapie unterstützt werden. Die moderne Psychotherapie kennt verschiedene kognitive Techniken, die den Patienten dabei helfen sollen, die eigenen psychischen Probleme selbst unter Kontrolle zu bringen. Mit der kognitiven Therapie soll der Betroffene zunächst lernen, sich selbst zu beobachten, Probleme bzw. Blockaden zu identifizieren und dann Alternativen zu entwickeln und auszuprobieren. Das Ziel ist, dass der Patient in der Lage ist, seine Denk- und Verhaltensmuster neu zu bewerten – etwa indem er sich bewusst distanziert, etwas positiv umdeutet oder ein Problem als (zu bewältigende) Herausforderung sieht.

Die Strategie der sog. „kognitiven Distanzierung“ wurde ursprünglich vom Stoizismus inspiriert. Denn die Stoiker empfehlen als ersten Schritt, um auf negative Emotionen zu reagieren, psychischen Abstand zu gewinnen. Dies gelingt, indem sie sich selbst daran erinnern, dass die Eindrücke lediglich nur Eindrücke sind, und nicht annehmen, dass sie mit der Realität übereinstimmen. Ein Zitat von Epiktet drückt den Sachverhalt so gut aus, dass es als Leitsatz in der kognitiven Therapie genutzt wird: „Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen (Epiktet, Encheiridion / Handbüchlein der Moral). So basiert z.B. Angst auf der subjektiven Einschätzung, „dass irgendetwas Schlimmes in der Zukunft passieren wird und ich damit nicht umgehen kann“.

Als Gegenmaßnahme empfiehlt Epiktet, bereits auf frühe Warnzeichen unserer negativen Emotionen zu achten, die oft gewohnheitsmäßig und unbewusst entstehen. Schon in einem frühen Stadium sollte man innehalten, um sich selbst Raum zum Denken zu geben und eine psychische Distanz zu dem ursprünglichen Eindruck zu gewinnen.

„Sei bestrebt, jeder unangenehmen Vorstellung sofort mit den Worten zu begegnen: ´Du bist nur eine Vorstellung und durchaus nicht das, als was du erscheinst`. Alsdann untersuche dieselbe und prüfe sie nach den Regeln, welche du gelernt hast, und zwar zuerst und allermeist nach der, ob es etwas betrifft, was in unserer Gewalt ist, oder etwas, das nicht in unserer Gewalt ist. Und wenn es etwas betrifft, das nicht in unserer Gewalt ist, so sprich nur jedes Mal sogleich: ´Es geht mich nichts an!`“ (Epiktet, Encheiridion / Handbüchlein der Moral)

Natürlich ist die stoische Philosophie keine Therapieform und sollte nicht als Selbstversuch in pathologischen Fällen angewendet werden. Psychische Erkrankungen gehören in die Behandlung ausgebildeter Psychotherapeuten! Jedoch kann die Strategie der „kognitiven Distanzierung“ ein probates Mittel sein, um im Alltag mit Stress und Überforderung umzugehen und uns vor Einbildungen zu schützen, die in uns Angst oder Zorn wecken.

„Lass die Einbildung schwinden, und es schwindet die Klage, dass man dir Böses getan. Mit der Unterdrückung der Klage „Man hat mir Böses getan!“ ist das Böse selbst unterdrückt. (Mark Aurel, Selbstbetrachtungen)

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