Das Weltbild der Stoiker

Also mal ehrlich: Was kann uns eine über 2.000 Jahre alte antike Lehre wie die Stoa für unser Leben in einer digitalen Gesellschaft von heute denn noch beibringen? Es wirkt, als wolle jemand einen Rechenschieber für die großen Fragen einsetzen, die eigentlich einen Quantencomputer erfordern. Der Vergleich mag hinken, aber er ist gar nicht so unpassend. Denn was die Philosophie der Stoa uns bietet, ist kein allumfassendes Wissen; sie will vielmehr unsere Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Lebensfragen lenken und uns ein nicht zu kompliziertes, praktikables Werkzeug zu ihrer Lösung an die Hand geben. Warum dieses alte Werkzeug sogar heute noch funktioniert? Weil die Stoiker vor allem in zwei Bereichen über essentielles Know-how verfügten:

1. Die Stoiker waren exzellente Kenner der menschlichen Psyche. Auch wenn die moderne Psychotherapie kaum 150 Jahre alt ist, finden sich in der Stoa bereits einige sehr wirksame Techniken zur Überwindung von Angst und Anspannung, die heute auch in der modernen kognitiven Verhaltenstherapie eingesetzt werden (s. dazu den Blog „Wie die antike Stoa Eingang in die moderne Psychotherapie fand“). Das entscheidende Plus der Stoa ist: Uns werden keine Lösungen vorgeben, sondern Wege aufgezeigt, um uns selbst besser kennenzulernen. Dazu bietet die Stoa Hilfe zur Selbsthilfe, damit es gelingt, die eigenen psychischen Probleme selbst unter Kontrolle zu bringen.

2. Die Stoiker machen es sich (und uns) nicht leicht mit ihrer Lehre. Es gibt nicht die „10 Gebote“ der Stoa. Vielmehr sind die Methoden und Übungen der Stoiker anspruchsvoll und komplex. Das Weltbild der Stoa ist auf Ganzheitlichkeit ausgerichtet. Alles hängt mit allem zusammen. Mark Aurel beschreibt dies so:

„Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten. Nahezu nichts ist sich fremd. Alles Geschaffene ist einander beigeordnet und zielt auf die Harmonie derselben Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemein, und eine Wahrheit, so wie es auch eine Vollkommenheit für all diese verwandten, derselben Vernunft teilhaftigen Wesen gibt.“

Nach dem Verständnis der antiken Stoiker ist alles von göttlicher Vernunft – dem „Logos“ (λόγος) – beseelt. Dies bedeutet für uns heute nicht, dass wir an ein göttliches Wesen bzw. „Zeus“ glauben müssten, um die Stoa zu verstehen. Wichtig ist, dass die Grundhaltung der Stoiker mit ihrer ganzheitlichen Betrachtungsweise sehr vorbildlich für unsere heutige Gesellschaft ist. Denn eine solche Haltung verhindert, dass Probleme – wie heute so oft – mit der Schere im Kopf so lange zurechtgestutzt werden, bis sie für uns gut aussehen und zu unserer eigenen Weltsicht passen. Eine solche Haltung ist auch immer eher auf langfristige Lösungen ausgerichtet und widersteht unserem heutigen Drang nach schnellen einfachen Patentrezepten.

Das ganzheitliche Weltbild der antiken Stoiker wird besonders darin deutlich, dass ihre philosophische Lehre sich aus drei Teilbereichen – Physik, Logik und Ethik – zusammensetzt, die eng miteinander verknüpft sind: 

  • Die „Physik“ befasst sich mit dem Verständnis vom Kosmos und den Dingen im Kosmos. Sie ist nicht das naturwissenschaftliche Fach im heutigen Verständnis, das die grundlegenden Phänomene der Natur untersucht. In der „Physik“ geht es den Stoikern letztlich darum, die Regeln zu verstehen, nach denen die Welt und unsere Gesellschaft funktionieren.
  • Die „Logik“ umfasst die Regeln des Denkens und Argumentierens wie auch die Sprache, in der Gedankengänge zum Ausdruck gebracht werden. In der „Logik“ beschäftigen sich die Stoiker damit, wie sich Erkenntnisse gewinnen lassen, wie Entscheidungen vernünftig getroffen und schließlich auch angemessen kommuniziert werden.
  • Die „Ethik“ verschafft den Stoikern Orientierung, welche Entscheidungen richtig („tugendhaft“) sind, damit ein gelungenes Leben möglich wird. Sie bietet einen Kompass an den Weichenstellungen des Lebens.

Wie die drei Teilbereiche zusammenwirken, kommt gut in dem bekannten Bild von einem Obstgarten zum Ausdruck. In diesem Garten entspricht die „Logik“ dem Zaun (der den Rahmen und die festen Regeln bildet, nach denen die Dinge erkannt werden können), die „Physik“ entspricht den Bäumen (die im Garten nach den Naturgesetzen wachsen) und die „Ethik“ den Früchten (die langsam reifen und schließlich geerntet werden können). Das Bild zeigt vor allem: Die drei Teilbereiche hängen notwendig miteinander zusammen. Nur in ihrer Gesamtheit sind sie zu begreifen.

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