Amor fati – Umarme dein Schicksal!

Mit „amor fati“ (lateinisch für die „Liebe zum Schicksal“) wird einer der wichtigsten stoischen Grundsätze auf den Punkt gebracht. Es ist unklar, von wem der Ausspruch ursprünglich stammt. Er wird aber überwiegend dem deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche zugerechnet, der sich selbst als den „letzten Stoiker“ ansah und folgendes damit meinte:

„Das Notwendige nicht bloß ertragen, noch weniger verhehlen, sondern es lieben.“ (Friedrich Nietzsche)

Aber es liegt viel „amor fati“ auch in den Werken der römischen Stoiker Seneca, Epiktet und Mark Aurel.

„Es widerfährt dir etwas? Gut! Es ist dir von Anfang an nach dem Lauf des Alls so bestimmt und als Schicksalsfügung beschieden worden.“ (Mark Aurel)

Vorherbestimmung? Schicksal? Ernsthaft? Für den modernen aufgeklärten Mitteleuropäer erscheint dies fast unerträglich. Denn wir wollen doch selbst unser Schicksal in die Hand nehmen und halten uns in unseren Entscheidungen für frei. Nichts ist für uns schlimmer, als dass – plötzlich und unerwartet – sich etwas Schicksalhaftes in unser Leben hineindrängt! Wenn es trotzdem geschieht, suchen wir verzweifelt nach einem Grund für das Geschehene, den wir nicht verstehen, und hadern mit dem Schicksal. Warum wir? Warum jetzt? Dagegen waren die antiken Stoiker der Macht des Schicksals gegenüber aufgeschlossener als wir heute.

„Liebe das, was dir widerfährt und zugemessen ist.“ (Mark Aurel)

Durch ihre Lehre wollen uns die Stoiker mit dem Schicksal versöhnen. Sie raten nicht zu Fatalismus, einem passiven Sich-Abfinden mit dem Geschehen. „Amor fati“ ist vielmehr ein Aufruf, sein Schicksal aktiv selbst in die Hand zu nehmen, es nicht bloß zu ertragen, sondern es zu „lieben“! Missverstehen wir uns nicht: Es geht den Stoikern nicht darum, dass wir nach schweren Schicksalsschlägen Freudentänze aufführen, als sei nichts geschehen. „Amor fati“ bedeutet NICHT „Augen zu und durch!“ oder einfach „Schwamm drüber!“. Es geht vielmehr um eine (Lebens-) Haltung, die auch Schicksalsschläge als – wichtigen – Teil des eigenen Lebens begreift und akzeptiert. Passender wäre daher vielleicht die Übersetzung: „Umarme dein Schicksal“.

Und wie soll das gehen? Die Stoa lehrt uns nicht nur, Schicksalsschläge (in stoischer Gelassenheit) auszuhalten, sondern darin sogar Möglichkeiten zu sehen – vor allem Möglichkeiten zu einer persönlichen Weiterentwicklung. Dies ist natürlich schwierig. Und mancher wird die Aussicht auf neue Möglichkeiten sogar als eine Verhöhnung der unschuldigen Opfer schwerer Schicksalsschläge ansehen. Kann beispielsweise eine erfolgreiche Hochleistungssportlerin, die nach einem Trainingsunfall mit ihrem Rennrad querschnittsgelähmt ist und den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen wird, wirklich von „neuen Möglichkeiten“ sprechen? Kristina Vogel hat es getan! Für die mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin sollte das Leben nach ihrer überraschenden Querschnittslähmung eigentlich vorbei sein. Stattdessen hat die junge Frau gelernt, ihre Perspektive zu ändern: „Ich denke nicht darüber nach, wie ich Sachen FRÜHER konnte, sondern gucke, wie ich sie JETZT schaffen kann“, sagt sie. Und sie hält Ausschau nach neuen Chancen in ihrem „neuen“ Leben. „Ich nehme die Möglichkeiten, die kommen und gucke, ob sie passen oder nicht.“ Heute springt sie mit dem Fallschirm und wird in den Stadtrat ihrer Heimatstadt Erfurt gewählt. Die FAZ schreibt zurecht über sie: „Kristina Vogel ist ein großes Vorbild. Ihr Strahlen erreicht uns alle!“ Es ist erstaunlich und anrührend, wie sie sich mit ihrem Schicksal versöhnt hat, wenn sie auf eine Reporterfrage antwortet: „Was soll ich mir noch wünschen. Ich hab doch alles.“ So gelingt ein liebendes Annehmen des Lebens in allen Facetten. Das ist „amor fati“.

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